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Liebe Leserin, lieber Leser,

von den Silhouetten vieler Städte gibt es in den letzten Jahren häufig Abbildungen, die z.B. auf T-Shirts oder auch auf Wohnungswänden zu finden sind. Wenn wir uns nun die Silhouette unserer Heimatstadt vor Augen führen, dann kommen uns verschiedene Gebäude vor Augen. Von Rüsselsheim wären das vielleicht die Stadtkirche, der Leinreiter, das Theater oder auch die schöne neue „goldene Bonhoefferkirche mit dem Glockenturm.

Glockentürme stehen an den meisten Kirchen und wären wohl fast auf jeder Silhouette zu finden. Fest stehen sie da. Ja, stabil, wenn die tonnenschweren Glocken ganz oben zu schwingen beginnen. Wenn diese zum Gottesdienst rufen. Oder wenn sie mit weit vernehmbarer Stimme einladen, innezuhalten für ein kurzes Gebet. Mehrmals am Tag.

Zu bestimmten Zeiten läuten Glocken öfter, etwa zu Kriegszeiten oder wie auch im vergangen Jahr zum Gebet für die Opfer der Pandemie. Ein schönes Zeichen, auch der Solidarität. Glocken, die zum Gebet rufen sind, so muss man es wohl sagen, eines der wenigen Zeichen des Christentums im Alltag von Städten und Dörfern. Glocken und ihre Türme stehen für die Präsenz Gottes in der Welt.

Eine Theologin erzählt folgende Geschichte:

An einem Morgen sieht der Glockenturm etwas anders aus, als sonst. In der Nacht, während die Glocken schwiegen, ist jemand mit einer Farbendose gekommen.

Gott ist tot, Amen. Hat er mit weißer Farbe in großen Buchstaben auf die rötlichen Steine gesprüht.

Eine Gegenrede, die offensichtlich gesagt werden musste. Nun hat einer diesen Widerspruch den Steinen in den Mund gelegt. Und es ist, als schreien diese sie dem, der vorbeigeht, entgegen.

In unserem Land steht jedem und jeder frei, zu glauben oder auch nicht. Viele sprechen höchstens im privaten Rahmen darüber, wie sie es mit der Religion halten. Hier aber macht einer seine Meinung öffentlich. Gott ist tot. Amen. Was schwingt wohl mit, in diesem stummen und doch so deutlichen Schrei?

Ist der, der ihn auf die Steine gesprüht hat, verzweifelt? Vielleicht hat er etwas durchgemacht, was er nicht mit Gott in Verbindung bringen kann. Warum lässt Gott das zu? Ist er zornig über etwas, was er mit der Kirche erlebt hat? Ist er wütend auf jene, die sie repräsentieren? Oder will er einfach provozieren?

Und warum hat der Graffitikünstler ein Amen hinter sein Statement gesetzt, den typischen Schluss für ein Gebet? Es klingt ja nun fast so, als wende er sich an genau die Adresse, die er soeben als nicht existent erklärt hat.

Man kann diesen Spruch als ein fast säkulares, ein weltliches Gebet an einen Gott sehen, der gestorben ist. Und ich erinnere mich christlicher Tradition: Ja, er ist tatsächlich gestorben, der Gott, an den ich glaube.

Die Farbe Weiß aber, die Christusfarbe, die der Künstler verwendet hat: Für mich ist sie die Farbe der Auferstehung. Sie steht im Kirchenjahr für die Christusfeste: Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt. Sie kehren immer wieder und bezeugen immer wieder:

Der Gott, im Menschen Jesus, der tot war ist auferstanden!

Und mit ihm auch wir: Unser Leid, unsere Angst, unsere Hoffnungslosigkeit, all das, was uns manchmal wie tot sein lässt, darf mit auferstehen, darf leben.

Und darf jubeln, wie die Glocken, die von Gründonnerstag bis Karsamstag schweigen und dann am Ostersonntag in vollem Klang von der Auferstehung des Gottes, der tot war und nun auferstanden ist, künden.

In diesen Jubel können wir auch in diesem Jahr an Ostern miteinstimmen.

Ich wünsche Ihnen eine gesunde und gesegnete

Passions- und frohe Osterzeit.

 Ihr Ulrich Kuhl, Pfarrer

Text: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, revidiert 2017, © 2017 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart - Grafik: © GemeindebriefDruckerei

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